Einen Tag lang wollen wir über unsere Zukunft diskutieren. Tagsüber teilen wir die Diskussion in drei Work- shops zu den Themen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf. Abends vereinen wir die Ideen dieser Spezial- diskussionen und erörtern Lösungsstrategien.


Pavillon 1

"Wer regiert die Welt am Ende dieses Jahrtausends? Gewiß sind es nicht mehr jene, die von einer Bevölkerung gewählt und mit den Attributen der politischen Macht ausgestattet worden sind. Die nationalen Regierungen sehen sich zusehends außerstande, aktiv in den Lauf der Ereignisse einzugreifen; ihre Aufgabe ist immer mehr das reaktive Abfedern bereits eingetretener Veränderungen.
Eine dreifache Revolution hat stattgefunden: der Quantensprung einer global vernetzten Information und Kommunikation, die Globalisierung der Wirtschaft und die Dominanz der Finanzmärkte sowie die Krise der Politik und der Substanzverlust der demokratischen Systeme. Wirtschaftlich wächst alles zusammen, doch gesellschaftlich bricht Gewachsenes auseinander: ganze Staaten zerfallen, die zunehmende Konzentration von Reichtum und die Marginalisierung von immer mehr Menschen charakterisiert die Gesellschaften fast aller Länder dieser Welt, »ethnische Konflikte« entflammen, die Fremdenfeindlichkeit nimmt zu, die Ausbeutung der letzten natürlichen Ressourcen des Planeten scheint unausweichlich.
Wohin steuern wir? Wer steuert uns? Und was können wir tun, um gegenzusteuern?"

Ignacio Ramonet in "Die neuen Herren der Welt"

Pavillon 1 soll einen langfristige Blick über die nächste Legislaturperiode hinaus wagen. Welche Rolle soll die Politik in unserer neuen Gesellschaftswelt einnehmen? Wie begegnet sie der Politikverdrossenheit Jugendlicher? Sind die heutigen Strukturen der politischen Willensbildung überhaupt geeignet, um die Herausforderungen annehmen zu können? Hat die parlamentarische Demokratie noch eine Zukunft oder liegt ihre Zukunft jenseits des Nationalstaates?


Pavillon 2 - Zukunft der Weltwirtschaft - Weltwirtschaft mit Zukunft?

"Heute leben 5 Milliarden Menschen auf der Welt, in 50 Jahren werden es doppelt so viele sein. Die Weltproduktion wird sich in dieser Zeit vervierfachen. Dies führt zu einer extremen Verknappung und Verteuerung wichtiger Ressourcen und zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung der Umweltqualität.

Regionen und Länder der wissenschaftlich-technischen Welt werden sich vom Rest der Welt abkoppeln. Reichtum und Armut werden deutlicher als bisher voneinander getrennt sein, die Welt der Integrierten wird sich vor dem Elend der Ausgegrenzten schützen. Migrationsströme werden strengstens kontrolliert, repräsentative globale Organisationen haben sich als ungeeignet herausgestellt.

Innerhalb der wohlhabenden Regionen hat sich die Marktwirtschaft gänzlich durchgesetzt. Jedes Unternehmen, jede Stadt, jedes Land und jede soziale Gruppe kämpft gegen die jeweils anderen und verteidigt die eigenen relativen Vorteile. Die treibende Kraft ist das eigene Überleben durch den Sieg über die anderen. Gewinner zu sein ist das dominante und entscheidende Prinzip. "

Wird dieses Szenario in den nächsten Jahren die Wirklichkeit der Wirtschaftswelt sein, verschärft sich unter den Bedingungen weitgehender globaler Deregulierung die internationale Konkurrenz und hebelt politische Kontroll- und Steuerungsmechanismen zunehmend aus? Wird es zu einer weiteren Verschärfung der Widersprüche zwischen reichen und armen Staaten und zu einer 20:80-Gesellschaft in den reichen Staaten kommen?
Oder gelingt es, den Turbokapitalismus zu zähmen und die wirtschaftliche Entwicklung an den Erfordernissen einer sozial- und umweltverträglich organisierten Weltgesellschaft zu orientieren?
Kann überhaupt der markt-und wettbewerbsorientierten Globalisierung eine andere, humane Globalisierungsperspektive entgegengesetzt werden?


Pavillon 3 - Wohin schreiten wir?
Wie werden wir in Zukunft miteinander umgehen?
Welche Rolle wird das einzelne Individuum in einer sich immer mehr zeitlich und räumlich entgrenzenden Welt einnehmen? Was bedeutet Glück in einer Welt, die in Nanosekunden rechnet?
Träume Jugendlicher werden heute viel zu schnell von der grauen Realität eingeholt. Dieser Pavillon soll Platz zum träumen lassen.

"Standen also das 19. und 20. Jahrhundert im Zeichen der Beherrschung des Raumes, so geht es an der Schwelle zum 21. Jahrhundert um die Frage der Zeit. Die eigene Biographie erscheint nicht mehr als ein langer ruhiger Fluß, sondern als ein unter Umständen lückenhaftes Gewebe aus vielen einzelnen Bächen, die sich eigensinnig ihren Weg bahnen und gegenüber ihrem Ursprung und ihrer Mündung gleichgültig sind.
Wer aber Herkunft, Richtung und Ziel nicht mehr benennen kann, ist im buchstäblichen Sinne orientierungslos. Und tatsächlich denke ich, daß die meisten Probleme, denen wir uns gegenübersehen, ihren Ursprung nicht etwa in einer Wirtschafts- oder Arbeitsmarktkrise haben, sondern aus einer Orientierungskrise resultieren. Und diese Orientierungskrise wiederum ist deshalb entstanden, weil sich die Welt zu schnell dreht, weil die Veränderungsprozesse eine Geschwindigkeit erreicht haben, die uns überfordert.

Eine Studie der renommierten 'London School of Economics', deren Ergebnisse im Dezember letzten Jahres veröffentlicht wurden, brachte Erstaunliches zutage. Die Forscher hatten Angehörige von 54 Nationen nach ihrem subjektiven Glücksgefühl befragt und fanden, vermutlich selbst überrascht, die glücklichsten Menschen im von Hungersnöten und Überschwemmungen geplagten Bangladesch (Platz l), im armen, moslemisch-postsozialistischen Aserbaidschan (Platz 2) sowie im vom Bürgerkrieg und von der Aids-Epidemie geschüttelten Nigeria (Platz 3). Deutlich weniger glücklich hingegen fühlen sich danach die Menschen in den von Wohlstand verwöhnten Regionen, in Deutschland (Platz 42), Frankreich (Platz 37), Japan (Platz 44) oder in Amerika (Platz 46). Dort Armut, aber intakte Werte, Geborgenheit im Schoß gewachsener Kulturen - hier Reichtum, aber innere Leere, Freudlosigkeit und Isolation? "

aus: Daniel Goeudevert: Mit träumen beginnt die Realität. Berlin,1999, S.34f